NZZ Podium vom 3. Dezember 2009
Extreme und Grenzen
Lebensentwürfe jenseits des Alltags
Je mehr die Globalisierung fortschreitet, desto offener und zugleich verschlossener wird die Welt.
Alles ist nur noch eine Flugreise weit entfernt. Noch nie war uns der Globus mit seinen Wundern so zugänglich,
doch entschwindet die Natur da, wo sie sich dem Menschen technisch unterwirft und touristisch kolonisiert wird.
Auch gibt es wie nie zuvor einen Austausch der Kulturen. Was aber nicht bedeutet, dass das Verständnis einfach wächst.
Zwischen Armut und Reichtum, Tradition und Moderne, Religiosität und Säkularismus tun sich Gräben
auf. Die Angst vor der Freiheit geht um. Aus der Faszination des Fremden wird leicht ein Kampf der Kulturen.
Oft werden Dinge banal, welche allgemein verfügbar sind. Welches Geheimnis birgt unser Planet heute noch?
Was bleibt zu entdecken? Sind alle äusseren Pfade gegangen, und führt der wahre Weg ins Innere unserer selbst?
Wo liegen die Grenzen, an denen unsere alltäglichen Lebensentwürfe ein utopisches Widerlager finden?
Der Extrembergsteiger Reinhold Messner hat sich in menschenfeindlichem Terrain immer wieder ans Schwerste gewagt:
an die Besteigung von Achttausendern, an die Durchquerung von Wüsten (aus Stein oder Eis), oft auf unbegangenen
Routen, mit möglichst wenig Hilfsmitteln und ganz allein. Die Bezwingung der Natur war ihm stets überwindung seiner
selbst und Erforschung der eigenen Grenzen.
Den Weg der Kulturen ist Ilija Trojanow gegangen. Ob Osteuropa oder Afrika, Indien oder Islam – stets hat er den
Reichtum dessen betont, was Menschen erschaffen. Das Fremde ist kein Selbstbedienungsladen. «Kulturen bekämpfen
sich nicht – sie fliessen zusammen», wenn die Menschen sich wirklich aufeinander einlassen. Der Prozess der
Globalisierung macht es unvermeidbar, dass wir die Grenzen unserer selbst erkennen.
Hier finden Sie die Podiumsdiskussion mit Reinhold Messner und Ilija Trojanow sowie
Dr. Martin Meyer und Andreas Breitenstein als Podcast.
Diskussion
| Autoren | |
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Reinhold Messner
Schriftsteller und Extrembergsteiger Reinhold Messner, 1944 in Südtirol geboren, bestieg bereits als Kind seinen ersten Dreitausender. Nach seinem Technik-Studium verschrieb er sich ganz dem Bergsteigen. Fortan führte er ein Leben als Grenzgänger. Seit 1969 unternahm Messner mehr als hundert Reisen in die Gebirge und Wüsten dieser Erde und schrieb vier Dutzend Bücher. Dabei gelangen ihm viele Erstbegehungen. Hinzu kam die Besteigung aller vierzehn Achttausender sowie der «Seven summits», die Durchquerung der Antarktis, der Wüsten Gobi und Takla Makan sowie die Längsdurchquerung Grönlands. Messner geht es dabei weniger um Rekorde als vielmehr um das Ausgesetztsein in archaischen Naturlandschaften. Zwischen seinen Reisen lebt Reinhold Messner in Meran und auf Schloss Juval in Südtirol, wo er Bergbauernhöfe bewirtschaftet. Seit einigen Jahren widmet er sich seinem Projekt Messner Mountain Museum (MMM) sowie seiner Stiftung (MMF), die Bergvölker weltweit unterstützt. |
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Ilija Trojanow
Schriftsteller Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren. 1971 floh er mit seiner Familie in den Westen. Trojanow wuchs auf in Nairobi, studierte Jura und Ethnologie in München. 1989 gründete er den Marino-Verlag für Afrika-Bücher, daneben war er als Übersetzer, Autor und Publizist tätig. Von 1998 bis 2003 lebte er in Bombay, von 2003 bis 2006 in Kapstadt. Heute wohnt er in Wien. Trojanow ist Verfasser und Herausgeber zahlreicher Bücher. Bekannt wurden die Romane «Die Welt ist gross und Rettung lauert überall» (1996) und «Der Weltensammler» (2006). Sachbücher sind u.a.: «Hundezeiten. Heimkehr in ein fremdes Land» (1999), «An den inneren Ufern Indiens» (2003), «Zu den heiligen Quellen des Islam» (2004); «Kampfabsage. Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fliessen zusammen» (2007) und (mit Juli Zeh) «Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte» (2009). Trojanow ist Träger zahlreicher renommierter Literaturpreise. |
| Gesprächsleitung | |
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Dr. Martin MeyerChef Feuilleton «Neue Zürcher Zeitung» Martin Meyer, geboren 1951 in Zürich, studierte Geschichte, deutsche Literatur und Philosophie an der Universität Zürich. Seit 1974 ist er Redaktor im NZZ-Feuilleton, 1992 übernahm er dessen Leitung. Die Schwerpunkte seiner publizistischen Arbeit liegen in der Zeitanalyse, in der Literatur und Philosophie sowie in der klassischen Musik. Martin Meyer ist Verfasser und Herausgeber zahlreicher Bücher, u. a. über Ernst Jünger, Thomas Mann sowie die Schweiz und Europa. Weitere Publikationen galten dem «Ende der Geschichte» und dem «Krieg der Werte». |
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Andreas BreitensteinFeuilletonredaktion «Neue Zürcher Zeitung» 1961 in Zürich geboren. Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Zürich. Studien- und Sprachaufenthalt in den USA, danach Werbetexter und freier Literaturkritiker. Seit 1992 Mitglied der NZZ-Feuilletonredaktion, wo er die Kulturen und Literaturen Österreichs, Skandinaviens, Osteuropas, Russlands, Asiens und Lateinamerikas betreut. Das Schwergewicht seiner Interessen liegt bei den Schriftstellern des österreichischen und ostmitteleuropäischen Raumes. |





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