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Gewalt / Diskussion

NZZ Podium vom 25. Februar 2009


Gewalt – Der Schatten des Menschlichen

Ein Gespräch mit Jan Philipp Reemtsma

Gewalt – Der Schatten des Menschlichen Trotz allem Fortschritt ist Gewalt ein Teil des Menschlichen geblieben. Noch immer schwelen weltweit blutige Konflikte, nach wie vor bedroht uns der isla-
mistische Terrorismus, laufen Familienväter Amok und erliegen Jugendliche Aggressions-
exzessen. Dennoch leben wir in einer Welt, die grundsätzlich friedlicher geworden ist, als sie es früher war. Krieg als Form entfesselter Gewalt, einst der Normalfall, ist nach den Verheerungen der Weltkriege zur grossen Ausnahme geworden; der Terror trifft, wenn er denn die polizeilichen und geheimdienstlichen Vorkehrungen noch zu überwinden vermag, wenige. Der Einsatz von Gewalt ist staatlich monopolisiert sowie straf- und völkerrechtlich geregelt. Militarismus und Todesstrafe gibt es immer weniger. Wer prügelt, muss mit Konsequenzen rechnen. Dennoch bringen Sanktionen die Gewalt nicht vollständig zum Verschwinden. Der Firnis der Zivilisation erweist sich als dünn - im fernen wie im nahen Umfeld. Wir reagieren mit Betroffenheit und Entsetzen, aber auch mit Ratlosigkeit und Gleichgültigkeit auf Gewaltausbrüche. Allgegenwärtig ist die Rede von der Gewalt in Zeitungen und Fernsehen, Politik und Wissenschaft. Wie denn unser Verhältnis zur Gewalt nicht ohne Ambivalenz ist. Denn so sehr wir sie ablehnen, so sehr fasziniert sie uns in ihrer medialen Inszenierung. Gewalt scheint ein bleibender Teil unserer selbst zu sein: Wie gehen wir damit um? Wie lässt sich Gewalt weiter eindämmen? Kann es eine Kultur des Umgangs mit Gewalt geben?

Als Podcast die Diskussion Diskussion .

Gesprächspartner
Jan Philipp Reemtsma, Literaturwissenschafter, politischer Publizist, Mäzen Jan Philipp ReemtsmaLiteraturwissenschafter, politischer Publizist, Mäzen

Jan Philipp Reemtsma wurde 1952 in Bonn als Sohn des Unternehmers Philipp Fürchtegott Reemtsma (Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH) geboren. Er studierte Germanistik und Philosophie in Hamburg. Nach Erreichen des 26. Lebensjahres verkaufte Jan Philipp Reemtsma seine Erbanteile am väterlichen Konzern. In der Folge widmete er sich der Literatur und Wissenschaft und wurde zu einem bedeutenden Mäzen kultureller, wissenschaftlicher und politischer Initiativen.

Jan Philipp Reemtsma lehrte bis 2007 als Professor neuere deutsche Literatur an der Universität Hamburg. Er ist u.a. Mitgründer und Vorstand der Arno-Schmidt-Stiftung sowie Stifter und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) und der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.

Vom 25. März bis zum 26. April 1996 war Jan Philipp Reemtsma Opfer einer brutalen Entführung. Seine Verschleppung, Gefangenschaft und Befreiung schilderte und reflektierte er im Bericht «Im Keller». Es gelang ihm nach seiner Befreiung, den Entführer in Südamerika durch von ihm beauftragte Ermittler ausfindig zu machen und so der Strafjustiz zu übergeben.

Jan Philipp Reemtsma ist Träger vieler Kulturpreise und Verfasser zahlreicher Bücher. Sein Spektrum reicht von Wieland über Muhammad Ali bis zu ästhetischen Fragen. Einen Schwerpunkt seines Denkens bildet das Phänomen der Gewalt. Hiervon zeugen die Bände «Mord am Strand. Allianzen von Zivilisation und Barbarei» (1998), «Wie hätte ich mich verhalten? und andere nicht nur deutsche Fragen» (2001), «Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug. Unzeitgemässes über Krieg und Tod» (2003), «Folter im Rechtsstaat?» (2005), «Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne» (2008).

Das Gespräch führt
Dr. Martin Meyer, Chef Feuilleton «Neue Zürcher Zeitung» Dr. Martin MeyerChef Feuilleton «Neue Zürcher Zeitung»

Martin Meyer, geboren 1951 in Zürich, studierte Geschichte, deutsche Literatur und Philosophie an der Universität Zürich. Seit 1974 ist er Redaktor im NZZ-Feuilleton, 1992 übernahm er dessen Leitung. Die Schwerpunkte seiner publizistischen Arbeit liegen in der Zeitanalyse, in der Literatur und Philosophie sowie in der klassischen Musik. Martin Meyer ist Verfasser und Herausgeber zahlreicher Bücher, u. a. über Ernst Jünger, Thomas Mann sowie die Schweiz und Europa. Weitere Publikationen galten dem «Ende der Geschichte» und dem «Krieg der Werte».