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NZZ Podium vom 27. November 2008

Dichter im Gespräch

Das Schwere und das Leichte:
Monika Maron und Lars Gustafsson

Dichter im Gespräch

Mit Monika Maron und Lars Gustafsson begegnen sich zwei Autoren, die auf je eigene Weise poetisch subversiv wirkten und wirken. Beide halten sie der Macht der Verhältnisse die Leichtigkeit ihres Schreibens entgegen. Während Monika Maron die DDR-Diktatur 1981 mit dem Umweltroman «Flugasche» an der Achillesverse traf, ging Lars Gustafsson in den bleiernen siebziger Jahren spielerisch letzten Menschheitsfragen nach.

Monika Maron hat in vielen Essays Zeugnis abgelegt über das moralische Debakel der DDR. In ihren Romanen trat mehr und mehr die Frage nach einem selbstbestimmten Leben und nach dem Glück in den Vordergrund. Illusionslos, aber auch mit Sinn fürs Tragikomische: Die Utopie der Leidenschaft, die Monika Maron in «Animal triste» (1996) beschwor, ist in «Endmoränen»(2002) und in «Ach Glück» (2007) «buchstäblich auf den Hund gekommen».

Lars Gustafsson seinerseits hält es mit dem Satz «Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf.» Gustafssons Romane lesen sich wie eine heitere Melchancholiegeschichte des an seiner Tatenlosigkeit leidenden Intellektuellen, während seine Essays einen poeta doctus zeigen, der sich auch für Wissenschaft und Technik begeistert. Nicht zufällig entfloh Gustafsson der Enge Schwedens in die USA, wo er sich, als Literaturdozent im texanischen Austin wirkend, nicht nur die Wirklichkeit des American Way of Life, sondern auch die Irealiträt der Wüste literarisch erschloss. In der geheimen Schrift der Steine auch fand er das Labyrinth wieder, dessen Figur sein Werk durchzieht - im Irrtum und in der Verwirrung der Helden, in der Macht von Zufall und Groteske.

Monika Maron wie Lars Gustafsson sind Autoren, deren Werk einem tiefen Vergänglichkeitsbewusstsein geschuldet ist. Erzählen heisst bei beiden Autoren: sterben lernen.

Als Podcast das Referat und die Diskussion.

Teilnehmer
Monika Maron Monika Maron

Monika Maron wurde 1941 in Berlin geboren und wuchs in der DDR auf. Sie studierte in Ostberlin Theaterwissenschaft, arbeitete als Regieassistentin sowie als Reporterin für Frauenzeitschriften. 1976 ergriff sie den Schriftstellerberuf. 1988 übersiedelte Maron in die Bundesrepublik und lebt heute wieder in Berlin. 1981 konnte ihr Erstling, der Umwelt-Roman «Flugasche», wegen seines kritischen Gehalts nur im Westen erscheinen. «Stille Zeile sechs» (1991) rechnete mit dem Starrsinn der sozialistischen Gründergeneration ab. Nach der Wende ist Maron der Erfahrung weiblicher Lebenswelt und der Frage nach einem selbstbestimmten Leben treu geblieben («Animal triste», «Endmoränen»; «Ach Glück»). Mit ihren kritischen Essays über die DDR hat sie wesentlich zur deutschen Vergangenheitsaufarbeitung beigetragen.

Lars Gustafsson Lars Gustafsson

Lars Gustafsson, 1936 im schwedischen Västeràs geboren, lebt in Stockholm. Er studierte Literatur, Philosophie und Soziologie in Uppsala und Oxford. 1978 schloss er mit einer Dissertation über sprachphilosophische Extremisten ab. Von 1972 bis 1974 lebte er in Westberlin. Von 1983 bis 2006 war er Professor an der University of Texas in Austin. Als Lyriker, Romancier und Essayist ist Gustafsson ein Meister der verschiedenen literarischen Genres. Sein Werk ist geprägt von der Wechselbeziehung zwischen Philosophie und Poesie. Seine Themen sind die Suche nach Identität und das moralische Bewusstsein. Zu den bekanntesten Werken gehören «Familientreffen» (1976), «Tod eines Bienenzüchters» (1978), «Die Sache mit dem Hund» (1993) Zuletzt erschien auf Deutsch die Verserzählung «Die Sonntage des amerikanischen Mädchens» (2006).

Einführung
Andreas Breitenstein, Feuilleton «Neue Zürcher Zeitung» Andreas BreitensteinFeuilleton «Neue Zürcher Zeitung»

1961 in Zürich geboren. Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Zürich. Studien- und Sprachaufenthalt in den USA, danach Werbetexter und freier Literaturkritiker. Seit 1992 Mitglied der NZZ-Feuilletonredaktion, wo er die Kulturen und Literaturen Österreichs, Skandinaviens, Osteuropas, Russlands, Asiens und Lateinamerikas betreut. Das Schwergewicht seiner Interessen liegt bei den Schriftstellern des österreichischen und ostmitteleuropäischen Raumes.