NZZ Podium Alle Podcasts

NZZ Podium vom 24. April 2008

Brot und Spiele – Aussichten auf die Euro 08

Fussball zwischen Popkultur und Ersatzreligion

Brot und Spiele – Aussichten auf die Euro 08 Schon immer hat der Fussball eine grössere Faszination ausgeübt als andere Sportarten. Pelé, Maradona, Schwarzenbeck - die Namen der Stars sind Legende. Dabei hat sich Fussball mittlerweile zu einem popkulturellen Spektakel entwickelt, das die Freude am Mitvollzug des Spiels sprengt. Finden Welt- oder Europameisterschaften statt, gilt wochenlang der öffentliche Ausnahmezustand. Tosende Arenen und übervolle Public-Viewing-Zonen, patriotische Aufwallungen und ausuferndes Merchandising, fiebernde Fans und sich selbst geniessende Massen sind Bestandteil eines Kults, dem Züge einer Ersatzreligion anhaften.

Ob Politik, Wirtschaft oder Kultur - keiner, der abseits stehen möchte bei der Feier eines Gemeinsinns, der sich heute mehr und mehr im Abstrakten verliert. Das Geld fliesst, die Stimmung steigt, selbst Frauen mögen sich dem Männersport immer weniger verweigern. Fussball, das ist grosse Oper der Gefühle, eine Bühne, auf der sich zwischen Angriff und Abwehr, Sieg und Untergang, Zufall und Kalkül, Coolness und Leidenschaft, Geniestreich und Stümperei, Teamwork und Alleingang in neunzig Minuten die Dramen der kompetiv-kapitalistischen Gesellschaft abspielen. Nicht weniger als Sinnstiftung findet im Fussball statt: Wo die Kirchen leer sind, rauscht in den Kesseln das heilige Fest. Die Momente des Gelingens sind Momente der Versöhnung mit einer entzauberten Welt. Mit der Euro 08 werden die Schweiz und Österreich zum Nabel der postmodernen Erlebnisgesellschaft werden.

Referent
Prof. Dr. Peter Sloterdijk, Professor an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe Prof. Dr. Peter SloterdijkRektor der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
Professor für Philosophie und Ästhetik

Peter Sloterdijk gilt als einer der führenden Philosophen Deutschlands. 1947 geboren, studierte er Philosophie, Germanistik und Geschichte in München und Hamburg. Nach seiner Promotion 1976 veröffentlichte er 1983 seine «Kritik der zynischen Vernunft», ein Werk, das über den Kreis der Fachleute hinaus Aufsehen erregte und zu den meistverkauften philosophischen Büchern der Gegenwart gehört. Sloterdijk entwickelte 1989 den Begriff «Eurotaoismus» und erarbeitete eine Kritik der politischen Kinetik. 1993 erhielt er den Ernst-Robert-Curtius-Preis für den Band «Weltfremdheit». Peter Sloterdijk hatte Professuren in Karlsruhe und Wien inne, daneben war er Gastdozent an diversen Universitäten und Hochschulen. Seit 2001 ist er Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, sowie Professor für Philosophie und Ästhetik. Seit 2002 moderiert er zusammen mit Rüdiger Safranski «Das philosophische Quartett» im ZDF. Zuletzt sind von ihm bei Suhrkamp erschienen «Zorn und Zeit» (2006) «Derrida, ein Ägypter» (2007).

Diskussionsteilnehmer
Sibylle Berg, Schriftstellerin, Zürich Sibylle BergSchriftstellerin, Zürich

Die Schriftstellerin Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. 1984 gelang es ihr, die DDR zu verlassen. Sibylle Berg arbeitete in verschiedenen Berufen, unter anderen war sie Clownschülerin. Sibylle Bergs erster Roman «Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot» erschien 1997 und wurde ein Verkaufserfolg. Seither ist Sibylle Berg eine vielbeachtete Grösse in der deutschsprachigen Literaturszene. Sie schreibt Romane, Essays, Kolumnen und Theaterstücke. Ihr Musical «Wünsch dir was» wurde 2007 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Sibylle Bergs kulturkritisch ironisch-melancholischen Zwischenrufe erscheinen in der «Zeit», im «Magazin», in «Literaturen» oder auch der «NZZ am Sonntag». Sibylle Berg lebt in Zürich und Tel Aviv.

Erich Vogel, Ex-Trainer von GC und Fussballexperte Erich VogelFussballexperte, Vize-Präsident und Sportchef von GC

Erich Vogel, 1939 geboren, ist eine der bekanntesten Fussball-Persönlichkeiten der Schweiz. An der Sporthochschule Köln liess er sich zum Fussball-Lehrer ausbilden und schloss mit dem Bundesliga-Trainerdiplom ab. Nach seiner aktiven Spielertätigkeit war Erich Vogel als Trainer und Sportdirektor in mehreren Vereinen tätig. Als Manager führte er den Grasshopper Club Zürich zwischen 1988 und 1999 zu nationalen und internationalen Erfolgen. Ab 2000 war er Sportchef beim FC Basel und später, bis 2002, beim FC Zürich. Danach verfolgte Erich Vogel das nationale und internationale Fussballgeschehen als TV-Experte. Seit Mitte 2007 ist er Vize-Präsident des Verwaltungsrates der Neue Grasshopper Fussball AG und bekleidet das Amt des Sportchefs. Erich Vogel gilt als Entdecker vieler Schweizer Fussballtalente.

Gesprächsführung
Dr. Martin Meyer, Chef Feuilleton «Neue Zürcher Zeitung» Dr. Martin MeyerChef Feuilleton «Neue Zürcher Zeitung»

Martin Meyer, geboren 1951 in Zürich, studierte Geschichte, deutsche Literatur und Philosophie an der Universität Zürich. Seit 1974 ist er Redaktor im NZZ-Feuilleton, 1992 übernahm er dessen Leitung. Die Schwerpunkte seiner publizistischen Arbeit liegen in der Zeitanalyse, in der Literatur und Philosophie sowie in der klassischen Musik. Martin Meyer ist Verfasser und Herausgeber zahlreicher Bücher, u. a. über Ernst Jünger, Thomas Mann sowie die Schweiz und Europa. Weitere Publikationen galten dem «Ende der Geschichte» und dem «Krieg der Werte».